bis der Kopf den Geist aufgibt

06 September – 11 October

Stefan Vogel, bis der Kopf den Geist aufgibt, Exhibition View, Courtesy the artist and SCHÖNEWALD, Düsseldorf. Foto: Achim Kukulies.
Stefan Vogel, bis der Kopf den Geist aufgibt, Exhibition View, Courtesy the artist and SCHÖNEWALD, Düsseldorf. Foto: Achim Kukulies.
Stefan Vogel, bis der Kopf den Geist aufgibt, Exhibition View, Courtesy the artist and SCHÖNEWALD, Düsseldorf. Foto: Achim Kukulies.
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All Works






Eröffnung am Freitag, 6. September 2019, 18 – 22 Uhr 

in Kooperation mit Jahn & Jahn

 

 

bis der Kopf den Geist aufgibt – so der Titel der ersten Einzelausstellung von Stefan Vogel bei SCHÖNEWALD in Düsseldorf. Was sich zunächst als wenig aussichtsreiche Prophezeiung für den Ausstellungsbesuch präsentiert, entfaltet im Zusammenhang mit der Bildwelt Vogels eine besondere Dynamik. Das Künstleratelier als Leitmotiv verbindet wie ein roter Faden alle drei Ausstellungsräume. Das Verständnis vom Atelier als ein Ort, an dem gängige Ansichten von Produktivität und Wirtschaftlichkeit außer Kraft gesetzt sind, prägt das künstlerische Selbstverständnis seit den 1960er Jahren. Es ist nicht allein Werkstatt oder Arbeitsraum, sondern erfüllt die Funktion eines Freiraums außerhalb gesellschaftlicher Auffassungen von Effizienz und Vernunft. 

  »Die Dinge an sich herankommen lassen. Sie kommen schon, sie rücken näher«, so beginnt Jean Améry seinen 1974 veröffentlichten Roman-Essay Lefeu oder der Abbruch. Améry entwirft darin das Bild eines Pariser Wohnateliers im heruntergekommenen Zustand als Protest des Künstlers gegen die durch Materialismus erzeugte Sinnleere der Wirklichkeit: das verklebte Waschbecken, der faulige Fußboden, das dreckige Geschirr, die rissigen, abblätternden Wände »schmutzfarben wie das Bild, dem sie Obdach geben, wie das graue, unrasierte Antlitz, das aus dem Spiegel blickt«. Mithilfe seines Protagonisten, dem Maler Lefeu, den er im Laufe der Erzählung zum Unglücksvogel tauft, dekonstruiert Améry die auf Nützlichkeit und Optimierungsprozessen beruhenden Normen und Vorstellungen der Gesellschaft. Mit Freude beschwört er so den Niedergang des bürgerlichen Glanzes, denn allein »der Verfall ist die Essenz des Lebens; das entfunktionalisierte Leben.« 

Ganz im Sinne dieses literarischen Bildes vom Atelier als Raum der seelischen Verortung des Künstlers, wo das Leben selbst stattfindet, verwebt Stefan Vogel Konstellationen sozialer Gefüge und Befindlichkeiten des Bewusstseins zu komplexen Bildwerken. Bezugs- und Ausgangspunkt seiner Arbeit ist das eigene Atelier in Leipzig-Plagwitz auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei, in dem sich alle Spuren sammeln und bündeln lassen. Hier gehen Bettlaken auf Tuchfühlung mit Beton. Landkarten, auf denen das Leben eingezeichnet ist, weisen den Weg. Der Kopf stößt sich an inneren und äußeren Wänden. Dreck und Schmutz verkrusten als kreativer Dünger den Atelierboden, Acker des Zufalls auf Gedeih und Verderb. Flach und sauber wäre er unfruchtbar, unbrauchbar für Kleinkriege und sonstige Szenarien.

Die spezifische Material- und Farbästhetik der Werke Vogels basiert auf der Verwendung von Naturmaterialien, Baustoffen, Industrietextilien, Alltagsobjekten und Fotografien. Kühlschrank, Tisch, Wäscheständer und Dusche, gepaart mit Gartenhecke, Jalousie und Pflasterweg erzeugen ein Panoptikum aus Gegenständen des täglichen Gebrauchs, die sich zum Narrativ häuslicher Ordnung eignen. Reihen von Tackernadeln drehen sich im Uhrzeigersinn und messen die Zeit im Zehn-Minuten-Takt. Was dreckig wird, muss gewaschen werden. Was nass ist, trocknet über Nacht. Was länger halten soll, gehört in die Kühltruhe. Es ist ein kläglicher Versuch, die Erinnerung zu konservieren. Die Zeit kann das Vergessen nicht verhindern; Schimmel legt sich über die Dinge. Im Kosmos des Künstlers verbinden sich diese Elemente zu Metaphern für die existenzialistische Unruhe des Geistes in der Dauerschleife des Lebens. Vogels Atelierbilder lassen sich als humaner Gegenentwurf zum Widersinn der Zeit und als Projektionsflächen für unlösbare, tief verwurzelte Konflikte, fragile Beziehungsmuster und sich wiederholende Verhaltensmechanismen sowie Kommunikationsstrukturen lesen. Der letzte Ausweg aus Gewohnheit ist Verfall. 


Anka Ziefer
Leipzig, Juli 2019

  



















Öffnungszeiten während der DC Open:

Fr, 6. Sept. 18–22 Uhr

Sa, 7. Sept. 12–20 Uhr

So, 8. Sept. 12–18 Uhr

 

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bis der Kopf den Geist aufgibt (transl. “until one's head releases it's mind”) is the title of Stefan Vogel’s first solo exhibition with SCHÖNEWALD in Düsseldorf. What initially appears to be a less than promising prophecy for a visit to the exhibition reveals a special dynamic in connection with Vogel’s imagery. The artist’s studio as a leitmotif runs like a thread through all three exhibition spaces. The understanding of the studio as a place where conventional attitudes towards productivity and economic viability are suspended has shaped the self-image of artists since the 1960s. It is not merely a workshop or working space but also fulfils the function of a free space, beyond social notions of efficiency and reason. 

‘Let things come to you. They will indeed come; they’re getting closer already’, is how Jean Améry begins his novel-essay Lefeu oder der Abbruch (transl. “Lefeu or the demolition”), published in 1974. Here, Améry sketches the image of a shabby live-in studio in Paris as a statement of protest on the part of the artist against the senselessness of reality brought about by materialism: a the washbasin held together by glue-encrusted sink, the rotted floor, the dirty dishes, the cracked and peeling walls, ‘stained like the picture to which they give shelter, like the grey, unshaven face that gazes out of the mirror’. With the help of his protagonist, the painter Lefeu – who, in the course of the narrative, he describes as a “Unglücksvogel” (transl. “unlucky fellow”)– Améry deconstructs the norms and notions of society based on usefulness and processes of optimisation. It is with great pleasure that he conjures up the decline of bourgeois splendour, for only ‘decay is the essence of life; de-functionalised life’. 

Entirely in line with this literary image of the studio as the site of the artist's mental localisation, where life itself takes place, Stefan Vogel weaves constellations of social structures and states of consciousness into complex visual images. The reference and starting point for his work is his own studio in the Plagwitz district of Leipzig on the site of the former Baumwollspinnerei (cotton mill), where all traces come together and are bundled. Here, bed sheets come into close physical contact with concrete. Mental maps transferred onto actual maps point the direction. The head collides with the interior and exterior walls. Dirt and grime encrust the studio floor as creative fertiliser –   inevitably, an arable land of arbitrariness. Flat and clean it would be completely useless for artistic processes, feuds and other scenarios.

The specific material and colour aesthetics of Vogel’s works are based on the use of natural and building materials, industrial textiles, everyday objects and photographs.  A refrigerator,  table,  clothes-drying rack and shower, combined with a garden hedge, a venetian blind and paved walk create a panopticon of objects of daily use that are suitable for a narrative of domestic order. Rows of staples rotate clockwise, measuring time at ten-minute intervals. What gets dirty has to be washed. What is wet dries overnight. What should stay fresh longer should be kept in the freezer. It is a pitiful attempt to preserve memory. Time cannot prevent oblivion; things get covered in mould. In the artist’s cosmos, these elements combine to form metaphors for the existentialist restlessness of the mind in the continuous loop of life. Vogel’s studio pictures can be read as a humane counter-project to the absurdity of time and as projection surfaces for insoluble, deeply rooted conflicts, fragile relationship patterns and repetitive behaviour mechanisms, as well as communication structures. The last resort out of habit is decay.

  

Anka Ziefer
Leipzig, July 2019